Mann im Spiegel

Mit Anfang 20 trifft Luca Sieger eine Entscheidung: Nicht mehr Nora zu sein. Sondern ein kompletter Mann. Bis er Marlene kennenlernt und sich verliebt

Text & Videos: Imre Balzer & Carolin Katschak

Mit einem kurzen Pieken beginnt die Wiedergeburt. Tief dringt die Kanüle in den Hintern. Testosteron schießt durch den Körper. Langsam breitet sich ein schmerzhafter Druck auf Hüfte, Becken und Beine aus. Fünf Minuten. Dann ist es vorbei und Luca Siegers Leben beginnt.

24 Jahre lang versucht Luca Sieger sich anzupassen, sich mit dem Äußeren zu arrangieren. Als Frau zu leben. Doch das Kind, das 1988 als Nora Sieger geboren wird, ist kein Mädchen. Luca Sieger ist transident. Ein Mann, geboren im Körper einer Frau. Fast sein ganzes Leben beschäftigt ihn eine Frage: Wer bin ich, wenn ich nicht Frau sein will, aber kein Mann bin? 

Wenn Luca heute in den Spiegel schaut, sieht er, was er immer sehen wollte: einen Mann. Er ist zierlich, 1,63 Meter groß. Wenn er gefragt wird, wie sich sein Äußeres zu Noras unterscheidet, antwortet er: „Der Bart.“ Er wächst am Kinn und auf der Oberlippe. Zwei Monate dauerte es, bis das Testosteron wirkte und Lucas zweite Pubertät begann. Immer mehr Haare sprossen aus den Poren. Im Gesicht, am Bauch, an den Beinen und auf dem Rücken.

 

 „Ich wollte nicht der ewige Freak sein“

Luca vor der Hormonbehandlung

Luca greift zur Zigarettenschachtel. Er raucht, dann drückt er aus. Schwaden des Zigarettendunstes ziehen in die leicht vergilbten Küchenwände. Lässig lehnt er an der Küchenzeile, steckt beide Hände in die Taschen seiner tiefsitzenden Jeans. Das Rauchen ist neben dem Skateboardfahren eines der wenigen Überbleibsel aus seinem Leben als Nora. Sonst erinnert nichts in der Einzimmerwohnung in Wien an sein früheres Ich. Keine Fotos. Keine Kiste, in der er Erinnerungen aufbewahrt. Nostalgisch sind bloß die Vintage-Möbel. Dafür hängt im Türrahmen eine Klimmzugstange, im Bad liegen Rasierer und neben dem Bett Hanteln.

Nur auf dem Laptop hat er ein paar Kinderbilder gespeichert. Nora mit Walkman, Nora auf dem Fahrrad, Nora auf dem Skateboard. Ein Mädchen mit blonden kurzen Haaren. „Ich wusste schon damals, dass ich anders bin“, sagt Luca. Statt mit Puppen spielt er Fußball. Statt Kleidern trägt er Hosen. Für die Eltern ist das burschikose Verhalten ihrer Tochter kein Problem. Hin und wieder wird er trotzdem von seiner Familie daran erinnert, dass er kein Junge ist. Zum Beispiel, als er das Pfeifen seines Großvaters nachahmt. „Da hat er gesagt, ich dürfe nicht pfeifen, denn pfeifen dürfen nur die Buben.“ Bis heute versteht er nicht, warum. Als ihn seine Mutter zwingt, sich die Haare lang wachsen zu lassen, wehrt er sich und lässt sich Dreadlocks machen. Nur auf Familienfotos und bei der Erstkommunion mimt Luca das Mädchen.

Als Luca in die Pubertät kommt, seine Brüste wachsen und die Menstruation einsetzt, wird ihm sein Körper immer fremder. „Ich habe gemerkt, dass das in eine Richtung geht, mit der ich mich überhaupt nicht identifizieren kann.“ Warum er sich innerlich so gegen die Veränderungen sträubt, weiß er damals noch nicht. Er weiß nur, dass er nichts dagegen tun kann. Luca versucht sich mit seinem Körper abzufinden. Und wird immer unglücklicher.

Erst als er einen Transmann im Fernsehen sieht, ahnt Luca, was mit ihm los sein könnte. Für ihn ist es ein verstörendes Bild. „Es sah aus, als hätte sich eine Frau einen Bart aufgeklebt.“ Aus Angst davor der „ewige Freak“ zu sein, verwirft er den Gedanken als Mann zu leben und outet sich stattdessen als lesbisch. „Es war der einzige Weg, den ich damals gesehen habe.“

Luca über das Skaten und seine Unterschiede zu Nora

Seine ältere Schwester Zoe ist die Erste, der sich Luca anvertraut. Bis heute haben die Geschwister ein enges Verhältnis. „Ich dachte, mutig, dass er das so sagt und für sich weiß“, sagt Zoe. Kurz danach erzählt er es seinen Eltern. Auch sie stehen zu ihrem Kind. Doch trotz des familiären Rückhalts bleibt Luca unglücklich. Er bindet sich die Brüste ab, trägt weite Pullover und Hosen. Am Strand versteckt er seinen weiblichen Körper unter einem T-Shirt, geht nur selten schwimmen.

Sein ganzes Leben hadert Luca mit seinem Körper und sich selbst. Weiß nicht, wer er ist und wer er sein will. Bis ihm mit 24 klar wird: „Wenn ich nichts ändere, bleibe ich den Rest meines Lebens unglücklich.“ Er beginnt im Internet zu recherchieren, findet Videos von Transmännern, die aussehen wie Männer, chattet in Facebook-Gruppen mit anderen Transpersonen. Zwei Monate später steht der Entschluss. Luca zweifelt nicht mehr, er will die komplette Wandlung. „Ich wollte voll die Klischee-Schiene fahren, einer dieser Draufgänger sein, die sich ohne Angst mit dem Board den Hang runterhauen.“ Und auch äußerlich will Luca endlich als Mann wahrgenommen werden. Er spricht mit seinen Eltern, Geschwistern, engen Freunden und beschließt, sich von allem zu trennen, das ihn zur Frau macht: seinem Namen, seiner Gebärmutter, seinen Eierstöcken, seinen Brüsten und seiner Vagina.

Im Oktober 2012 wagt er den nächsten Schritt. Er schreibt eine Facebook-Nachricht an seine Bekannten:

luca

Nervös starrt er auf den Bildschirm, wartet auf Reaktionen, fragt sich, ob sich Freunde von ihm abwenden werden. Minuten vergehen, dann antworten die Ersten, beglückwünschen ihn.

 

Lucas zweite Pubertät

Auch eine Bekannte aus Schulzeiten schreibt zurück. Marlene ist neugierig. Sie will mehr über Lucas Vorhaben wissen. Sie beginnen zu chatten. Aus Stunden werden Tage, aus Tagen Wochen. Insgesamt sind es 2500 Seiten Chatprotokoll. Ein Protokoll, das Lucas Weg in ein neues Leben, ihre Freundschaft und spätere Liebe dokumentiert.

Marlene klingelt. Als Luca die Tür öffnet, küssen sie sich. Seit vergangenen November sind die beiden wieder ein Paar. Bis hierhin war es ein langer Weg. Marlene legt Rucksack und Kamera ab, schaut in den Flurspiegel, richtet ihre kurzen Haare und lässt ihren Hund Schlocki von der Leine. Er läuft zu seinem Körbchen ins Schlafzimmer, sie geht in die Küche. Als Luca sich auf ihren Schoß setzt, legt sie ihre Hände um seine Hüfte, kuschelt sich an ihn, küsst ihn sanft im Nacken.

Marlene und Luca in der Küche

Seit mehr als fünf Jahren begleitet sie Luca auf seinem Weg zu sich selbst. Sie fotografiert und filmt jede noch so kleine Veränderung, jeden noch so kleinen Schritt: die Hormontherapie, seine zweite Pubertät, als er offiziell seinen Vornamen ändert, die geschlechtsangleichende Operation. Anfangs ist Marlene nur eine Freundin. Gemeinsam arbeiten sie an dem Blog Fremdkörper, der Lucas Wandlung dokumentiert. Marlene als Fotografin, Luca als Grafikdesigner. Später wird sie Lucas engste Vertraute. Ihr erzählt er seine intimsten Gedanken und Gefühle. „Vor allem der Penis war etwas, was ihm am Anfang sehr wichtig war“, sagt Marlene.

Luca hat sich gegen ein Penoid entschieden. Andere Transmänner lassen sich aber operieren. Dr. Bernhard Liedl, Facharzt am Klinikum München-Bogenhausen, erklärt das Verfahren bei einer Geschlechtsangleichung Frau zu Mann
Mitarbeit: Florian Schumann
 
 

Ein Jahr nach der ersten Hormonspritze begleitet sie ihn ins Krankenhaus nach Linz. Lucas letzter großer Schritt steht bevor: Im Januar 2014 lässt er sich Gebärmutter, Eierstöcke und Brustgewebe entnehmen. Sechs Stunden wartet Marlene auf ihn. Läuft immer wieder den Krankenhausgang auf und ab. Weil sie nur eine Freundin ist, will ihr niemand sagen, wie die Operation verläuft. Am Ende weiß sie: Luca geht es gut. 

Knapp zwei Monaten nach der OP geht er das erste Mal seit Jahren wieder schwimmen. Ohne T-Shirt. Schwierig ist es für Luca nur, wenn die Kabinen auf der Männertoilette besetzt sind. Dann wartet er und merkt wie ihn die anderen beäugen.

Denn obwohl Luca immer einen Penis wollte, hat er sich noch im Krankenhaus dagegen entschieden. Einer der Gründe war der Transmann im Krankenbett neben ihm, der wegen des Penoidaufbaus seit zwei Jahren immer wieder in Behandlung ist. „Da dachte ich das erste Mal, dass ich mir das eigentlich nicht antun will“, sagt Luca.

Der andere Grund ist Marlene. Wenige Wochen nach der OP werden sie und Luca ein Paar. Später wird es für Luca das erste Mal sein, dass er als Mann mit einer Frau schläft.

Doch obwohl niemand sonst Luca so nahe steht wie Marlene, verläuft ihre Beziehung nicht ohne Probleme. Vor allem für Marlene ist es eine schwierige Situation. Als sie sich verliebt, ist sie noch in einer Beziehung. Und weil Luca oft launisch, sprunghaft und emotional nicht gefestigt ist, sagt Marlene. Sie habe ihn immer unterstützen und gleichzeitig nicht drängen wollen: „Ich stelle es mit ein wenig wie bei Eltern vor, die ihr Kind durch die Pubertät begleiten. Ich habe versucht, Luca Halt zu geben und gleichzeitig den Freiraum sich zu entfalten.“

Umso tiefer ist das emotionale Loch, in das Marlene fällt, als sich Luca im Frühling 2016 von ihr trennt. „Luca war nicht nur mein engster Vertrauter, sondern auch ein großer Teil meines Lebens“, sagt Marlene heute. Ein halbes Jahr isoliert sich Luca fast vollkommen, sucht sich selbst, unabhängig von Marlene.

Er verabredet sich mit Männern, um zu sehen, ob und wie er als Mann wahrgenommen wird. Und um zu sehen, wie er auf sie und wie sie auf ihn wirken. Nach sechs Monaten ist er seinem Ich ein Stück näher und kehrt zurück zu Marlene. Heute weiß er, dass andere ihn als Mann wahrnehmen. Er fühlt sich wohl in seinem Körper.

Trotzdem trennt sich Luca im April 2017 erneut von Marlene. Diesmal endgültig, sagt er. Er will sich mehr auf sich selbst konzentrieren. Die Suche nach dem eigenen Ich allein fortsetzen. „Die Beziehung hat mich irgendwann eingeengt,“ sagt er. Und das trotz der intensiven Bindung, die sie miteinander hatten.

„Sie hat mir das Gefühl gegeben, dass ich keinen Penis brauche“

Luca und Marlene entwickelten sich beide in ihrer Beziehung weiter. Sie nahmen immer wieder gemeinsam neue Rollen ein, probierten sich aus, versuchten sich zu finden und wieder zu verwandeln. Auch deshalb hinterfragten beide immer wieder die Geschlechterkonzepte: Was macht einen Mann zum Mann? Gibt es nicht mehr als nur Mann und Frau?

Luca über seinen Wunsch nach einem Penis

Sie haben für sich Antworten gefunden. Sie sagt: „Am Anfang dachte ich, Luca ist ein Mann im falschen Körper. Heute glaube ich, dass jeder Mensch selbst am besten weiß, wer er ist oder sein möchte und was er dafür tun will.“ Er sagt: „Marlene hat mich sexuell befreit. Sie hat mir das Gefühl gegeben, dass ich keinen Penis brauche, um ein Mann zu sein.“ Inzwischen kann sich Luca auch vorstellen, mit einem Mann zu schlafen. Irgendwann vielleicht sogar eine Beziehung einzugehen.

Luca will sich nicht festlegen, wer er sein will oder muss. Denn auch wenn er heute gesellschaftlich als Mann gilt, fühlt er sich manchmal weiblicher, manchmal männlicher und oft dazwischen.

Auch deshalb widerstreben ihm gesellschaftliche Erwartungen, die immer öfter an ihn als Mann gestellt werden. Mal sind es kleine Gesten, wie die Tür aufzuhalten, die Einkaufstaschen zu tragen oder einer Fremden in der Straßenbahn mit dem Kinderwagen zu helfen. Und manchmal sind es veraltete Rollenbilder, die Luca als Mann vermehrt auffallen. Bei einem Projekt in Dresden muss er vor allem körperlich schwere Arbeit verrichten, Steine schleppen, Mauern bauen. Währenddessen kümmern sich die Frauen um das Mittagessen. Ihm hat das einmal mehr gezeigt, wie tief alte Rollenbilder in der Gesellschaft immer noch verankert sind: „Der Mann ist der Starke, der keine Schwäche zeigt, nicht ängstlich und der Checker ist. Die Frau weint auch mal und zeigt Gefühle.“

Luca selbst bezeichnet sich als sensibel, einen guten Zuhörer. Aber selbst seine Freundinnen sprechen seltener mit ihm über ihre Beziehungsprobleme als früher. Für Luca ist es ein seltsames Gefühl. Denn außer seinem Äußeren, hat sich für ihn nur nur wenig geändert.

Luca über seine Rolle als Mann

Längst strebt Luca nicht mehr danach, der harte Kerl zu sein, der er früher als Nora immer sein wollte. Luca will Gefühle zeigen dürfen. Der sein, der er innerlich schon immer war. Denn obwohl Luca heute Luca ist und Nora eine Erinnerung, sagt er: „Zu wissen, wie das eine und wie das andere ist und daraus etwas Neues entstehen zu lassen – das ist auch etwas Schönes.“