Torwandschießen, Gummibärchen, der größte Kicker der Welt und ominöse Fußballerumkleiden bleiben nicht ohne Wirkung:
Ich fühle mich bereits olympischer …

Eingang NORD Olympiastadion.

 

Unter dem großen Zeltdach des Stadions ist es noch heißer,  als auf dem Olympiahügel. Hier sammelt sich eine kleine Gruppe die durch das Versprechen Einblicke in die VIP- und Mannschaftsräume des Olympiastadions zu erhalten angelockt wurde. Ob ich hier den richtigen Fans begegne?

Michael Adams fotografiert begeistert das Stadion: Dach, Sitzreihen, Asphalt … alles. Und bevor die Tour überhaupt losgeht, erhalte ich meine erste Lektion in Olympiaeuphorie: Michael  ist der erste richtige Olympiafan, den ich hier treffe. Letztes Jahr war der Engländer mit seiner Familie in Berlin, heute besuchen sie den Olympiapark in München und nächste Woche reisen sie zu den Olympischen Spielen nach London. Ein Olympia-Groupie, sozusagen. Er erzählt mir, dass ihn die Nebensächlichkeiten, das Drumherum, die Menschlichkeit der Spiele begeistern. “It s always more than just the games”.

Seine Frau sieht das etwas anders. Auf meine Frage, ob sie auch Olympiafans sind antwortet sie lachend “we have no choice” …

 

Sobald wir vollzählig sind (Tourguide, 5 Erwachsene, 6 Kinder) zottelt unsere kleine Gruppe zu den Mannschaftsräumen. Die Kinder sind begeistert von der Aussicht den größten Kicker der Welt bespielen zu dürfen. Doch zuerst gibt es ein paar Funfacts: Im VIP-Bereich, den wir ehrfürchtig bestaunen (dabei sieht er etwas angestaubt aus) hat Karl-Gustav, der König von Schweden, seine Königin, Silvia, kennengelernt, die hier als Chefhostess arbeitete.

VIP-Bereich. Hier wurden Gäste empfangen und hier lernte Karl-Gustav seine Silvia kennen.

Schön. Sind das die Randgeschichten, das Menschliche und Nebensächliche das die Leute so an Olympia fasziniert? Eine romantische boy-meets-girl-story? Anscheinend, denn auch die Pavilliondame, die mir die gestrige Audiotour erklärte, schwärmte von der “Hostessgeschichte” als Lieblingsanekdote.

Die Kinder interessiert das wenig, sie stürmen zum “größten Kicker der Welt”. Tatsächlich ist das Ding recht beeindruckend. 44 Spieler können sich gleichzeitig an die Stangen stürzen. Der Kicker steht in dem ehemaligen Partyraum der Fußballer. Ich lerne, dass es hier zu erbitterten und albernen Kämpfen zwischen Bayern München und den 1860ern kam. Beide Mannschaften nutzten den Raum, jedoch konnten weder die Bayern (rot) noch die 1860er (blau) es ertragen, von den Farben des anderen Teams umgeben zu sein. Also mussten die armen Bediensteten den Raum ständig umdekorieren. Mit dem Umzug in die Allianz-Arena (2005), wurde der große Raum verwaist zurückgelassen. Jetzt sieht man hier weder blau, noch rot.

Der größte Kicker der Welt bietet 44 Spielern Simultanzockspaß.

Tanja Herein, die Tourleiterin, führt uns zu dem Kernstück der heutigen Tour: den Mannschaftsräumen. Und – wie erwartet – darin riecht es immer noch nach Füßen und Synthetikklamotten. Wie in jeder Schulsportumkleide. Ein Pappaufsteller klärt auf, dass im STadion von 1972 bis 2005 1120 (eintausendeinhunderzwanzig!) offizielle Fußballspiele stattgefunden haben. Kein Wunder dass es noch nach Schweiß riecht…

Und obwohl mich das ja alles überhaupt nicht interessiert lausche ich den Geschichten, die Tanja erzählt. Auch hier in den Umkleidekabinen gab es Ärger wegen der Mannschaftsfarben. Da die Hakenleiste rot ist, mussten die (extrem antiken und furchteinflößenden) Wandföhngeräte blau sein. Irgendwie kann ich mir gar nicht vorstellen wie die Fußballer unter Trockenhauben kauern… Ein weiteres Highlight der Umkleide ist die (in neutralem Gelb) gehaltene Dusche. Mit elf Duschköpfen. Damit die Jungs alle gleichzeitig duschen und tratschen können. Gleich dahinter befindet sich das “Entmüdungsbecken”, in dem die Sportler umgeben von körpertemperaturwarmem Wasser angeblich rumdümpelten. Alles sehr Kurios. Und doch ein kleines bisschen interessant…

 

Zu den Mannschaftsräumen.

Rote Kleiderhaken für die Fußballstars. Und zum fairen Ausgleich befinden sich an der gegenüberliegenden Wand …

…seltsame blaue Maschinen, die wohl 1972 mal in waren und der Trocknung des Atlethenhaares dienen.

Elferdusche in neutralem Gelb.

 

Das Entmüdungsbecken. Ebenfalls in neutralem Gelb.

 

Olympia im Grünen.

Nach dem Kabinenmief bin ich froh wieder an der frischen Luft zu sein. Wir setzen uns auf die grünen Schalen und erhalten eine kleine Geschichtslektion zum Olympiapark. Früher Exzerziergelände, dann Flugplatz, später erster Landeort eines Zeppelins, im 1. Weltkrieg als Militär-Flugplatz missbraucht, nach dem 2. Weltkrieg Schutthalde und dann – endlich – Olympiapark. Ersonnen vom Stuttgarter Architekten Günter Behnisch, den drei Leitmotifen der Olympischen Spiele 1972 folgend: 1) im Grünen 2) kurze Wege 3) nachhaltig. Von allen Punkten können wir uns jetzt noch überzeugen. Sogar die Sitze sind grün. Und zwar in unterschiedlichen Tönen. “Wie das Gras” sagt Tanja. Mit den fröhlich bunten Farben die für Olympia 1972 stehen, wollte man sich absetzen von den “Propaganda-Spielen” in Berlin. Bloß kein Schwarz-Rot-Gold! Und somit ist alles im Stadion und darüber hinaus in seichtem, verblasst erscheinendem grün, blau, ockergelb gehalten. Von den kurzen Wegen haben wir uns auch alle überzeugt. Und die Nachhaltigkeit – nunja, dass wir hier sitzen ist der Beweis dafür, dass das Konzept aufgegangen ist. Der Olympiapark wird für Musikveranstaltungen, Kino, Tourismus etc benutzt. Darauf ist man stolz in München.

Die Kinder winden sich schon unruhig in den Sitzen , denn vor uns, auf dem Asphalt, steht eine Torwand.

Zum Abschluss der Stadion-Tour stehen wir also mittendrin. Die rund 70.000 grünlichen Sitzschalen sind leer. Niemand schaut uns zu, wie wir abwechselnd versuchen den Ball im Torwandrund zu versenken. Wir scheitern, werden jedoch alle mit Gummibärchen entlohnt.

Torwandschießen im Olympiastadion.

Auf dem Rückweg berichtet Tanja mir von den Tour-Erlebnissen. Täglich sind hier mindestens 7 Touristengruppen unterwegs, die sich – die Nachhaltigkeit sei gepriesen – über das Gelände und die Olympischen Spiele informieren.  Sie deutet auf eine Spitze des Zeltdaches und weist mich auf eine Plattform hin, von der sich die Teilnehmer der Zeltdach-Tour  40m in die Tiefe stürzen.

40m vom Zeltdachrand in die Tiefe.

Das steht mir am Donnerstag bevor. Ob meine zarte, neu-entdeckte Sympathie für die Olympischen Spiele die Aktion überlebt und ich wieder zum Olympiamuffel werde?

 

Eigentlich will ich gar kein Olympiamuffel mehr sein.

Tanja hat das doch recht gut auf den Punkt gebracht: “Olympiamuffel sind Menschen die nicht weltoffen sind, und ich denke niemand bezeichnet sich als nicht weltoffen…”
Tanja Hereins Antwort auf die Frage “Was fasziniert dich so an den Olympischen Spielen?”

 

… und zum Thema “Olympiamuffel”: